WISH D/A/CH



World Institute for Sensation Homeopathy

Die Entwicklung der Homöopathie 
Rajan Sankarans

Rajan Sankaran
Bombay (neuerdings in Mumbai umbenannt) ist die westlichste und modernste Stadt Indiens. Als Schmelztiegel der Nationen, Sprachen, Religionen und Kulturen hat sie eine ähnlich globale Ausrichtung wie New York. In diesem Klima hat sich um Sankaran eine virulente Gruppe von sehr fähigen Homöopathischen Ärzten, gebildet (Jayesh Shah, Nandita Shah, Sudir Baldota, Divya Chabra, Sujiit Chatterjee, Mahesh Gandhi, Bhawisha und Sachindra Joshi, Dinesh Chauhan etc.) Diese Gruppe mit ihrem intensiven kollegialen Austausch trägt wesentlich zu den neuen Entwicklungen bei.
Sankarans Impulse zur Homöopathie hatten bisher immer innovativen Charakter. Als Sohn von P. Sankaran (1922-1979), welcher ein international geachteter und herausragender Homöopathischer Arzt war, machte sich Rajan Sankaran schon früh einen Namen durch sein Buch "The Spirit of Homoeopathy"(1991) in dem er erstmals einzelne psychische Symptome zu einer sinnigen "Basic Delusion" verwob.
Es war sein Vater, der eine eigene Ausgabe des "General Analysis" von C.M. Boger herausbrachte. Dieser und Phatak, der mit seinem Repertorium auch Bogers Methode weiterführte, machten Sankaran von Anfang an mit dem Bönninghausenschen und Bogerschen Ansatz bekannt. Früh hatte Sankaran auch die neuen Ideen Seghals aufgegriffen.
Sein Ziel war von Anfang an, eine Methodik zu finden, welche eine sichere Eingrenzung des am besten wirksamen Mittels über sehr allgemeine Kategorien ermöglicht.
Sankarans Qualitäten sind insbesondere seine große Abstraktionsfähigkeit gepaart mit einem Bedürfnis zur Vereinfachung. Seine Brillanz wird meist in der Fallanalyse deutlich. Er ist in keiner Weise ein Theoretiker. Jegliche Neuerung im Konzeptionellen wird nur akzeptiert, wenn sie sich in der Praxis als hilfreich erweist. Daran liegt es auch, dass seine Veröffentlichungen manchmal akademischen Standards nicht genügen. Sie sind jedoch gespickt mit Praxisbeispielen und Fallbeschreibungen.

Rajan Sankarans Krankheitsverständnis als Wahnidee bis zum Jahr 2000

Sankaran, der Praktiker – die Suche nach praktischen und erfolgreicheren Strategien der Mittelfindung
Er war von Anfang seiner Entwicklung an ständig auf der Suche nach Konzepten und Methoden, welche die Mittelfindung einfacher und ökonomischer gestaltet. Die Suche nach dem Einfachen und Simplen ist ein Wesensmerkmal seiner Homöopthie. Sankaran ist extrem praktisch orientiert. Seine Praxis und seine Patienten sind der Mittelpunkt seiner Bemühungen. Alle Theorie und neue Methodik dient nur dem einen Zweck, mehr Patienten und nachhaltiger helfen zu können. Alle Theorien werden erst durch ihren praktischen Wert bedeutsam.

Suchstrategie vom Allgemeinen zum Speziellen
Er fragte sich schon früh, ob es neben der direkten Identifikation des heilsamen Mittels durch sehr spezifische Symptome, vielleicht andere Suchstrategien geben könne. In den meisten anderen Wissenschaften nähert man sich dem Gegenstand der Erforschung durch sukzessive Eingrenzung ausgehend von allgemeinen Kategorien. Er vergleicht die Suche nach dem Mittel in der Homöopathie mit einem Ratespiel: z.B. suche jemand etwas, das sei "groß, schwarz und es bewege sich" (Spezifische Qualitäten) Ein Homöopath sagt, es sei ein Elefant, der andere sagt, es sei eine große, schwarze Wolke, ein dritter ist sich sicher, man spreche von einer Dampfmaschine. Da brauche man sich nicht zu wundern, wenn in der Homöopathie oft völlig unterschiedliche Vorschläge für ein Mittel gemacht werden.
Eine wissenschaftliche Vorgehensweise sollte lieber eingrenzend fragen, z.B. ob es ein lebendiges Ding ist oder nicht. Wenn es lebt, ob es eine Pflanze oder ein Tier ist; wenn Tier, dann ob es ein Säugetier oder eine Schlange ist. Wenn es ein Säugetier ist, engt die Eigenschaft "groß, schwarz und beweglich" die Suche schon stark auf nur wenige Tiere ein. Dann kann man mit spezifischeren Fragen zum exakten Ergebnis kommen. Ähnlich wäre die Aufgabe in der Homöopathie vielleicht leichter, wenn man einer systematischen Suchstrategie folgt, als planlos im Djungel der Materia Medica ganz ohne Karte und Wegweiser herumzuirren.
In diesem Zusammenhang ist ein fast prophetisches Zitat Constanin Herings interessant:
Man kann einwenden, daß beim Erlernen der Naturwissenschaften kein so mühsamer Weg [wie bei der Homöopathie] eingeschlagen wird, sondern sehr bald das Allgemeine der verschiedenen Klassen und Familien gelehrt wird. Bei dem jetzigen Stande der Naturwissenschaften kann alles nach den Verwandtschaften überblickt werden, und das Studium dadurch außerordentlich erleichtert [werden]; allein da wir die Materia medica noch nicht so weit ausgebildet haben, und unmöglich in der kurzen Zeit ihres Bestehens weiter haben ausbilden können, so müssen wir diesen erleichternden Überblick noch entbehren. Wir müssen deswegen aber doch den Weg verfolgen, der allein zu diesem Ziele führen kann, so mühsam er jetzt auch sein mag. So wie die Fortschritte der Erfindung Handel und Wandel immer mehr erleichtern, so haben die Fortschritte der Wissenschaft stets das Erlernen des Früheren erleichtert, und so wird es auch mit der Materia medica der Fall sein. Bis dahin müssen wir die Mittel studieren, wie sie jetzt sind: die Zeit kommt hoffentlich bald, wo wir ebenso, wie die Naturhistoriker, über unsere Mittel sprechen können, wo wir verstehen werden, wie diese, vollständige Beschreibungen zu geben, bei denen alle Nebensachen weggelassen sind; ... die Zeit kommt hoffentlich bald, wo wir auch in der Arzneimittellehre wissen, was wesentlich und was unwesentlich ist. (Arch. XV. 1. S.25 Z.10. v. unten)

Neues Verständnis von Krankheit als ganzheitlicher Zustand – Krankheit ist eine "Wahnidee"
Ein erster Schritt führte Sankaran zu einem neuen Verständnis von Krankheit. Diese neuen Ideen machten ihn schnell bekannt.

Nur die dynamische Wirkung ist wichtig
Bei einer Analyse seiner erfolgreichen Fällen zu Anfang seiner Tätigkeit beobachtete er, dass es die Fälle waren, in denen die Mittel auf Grund der psychischen und allgemeinen Symptome verschrieben worden waren. Manchmal war die Pathologie selbst noch nicht mal vom Mittel gedeckt. Das führte zu der Erkenntnis, dass nur die dynamische Wirkung von Mitteln wichtig ist.

Zentrale Störung
Krankheit betrifft zunächst eine allgemeine und psychische Ebene, im Gegensatz zur konkreten Organpathologie. Es ist also möglich, eine zentrale Störung zu identifizieren. Allgemeinsymptome sind meist Symptome des Nervensystems, des endokrinen Systems und des immunologischen Systems. Diese formen zusammen mit der Psyche eine Einheit (P-N-E-I – psychisches-, neurologisches-, endokrines-, immunologisches System). Die dynamische Störung durch ein homöopathisches Mittel könne nur über diese "Achse" wirken. Die Symptome dieser Ebene sind also in der Krankheitsentwicklung als erstes zu erkennen.

Krankheit als veränderter Zustand
Hahnemann beschrieb Krankheit als einen Zustand
§9 [Organon] Im gesunden Zustande des Menschen waltet die geistartige, als Dynamis den materiellen Körper (Organism) belebende Lebenskraft (Autocratie) unumschränkt und hält alle seine Theile in bewundernswürdig harmonischem Lebensgange in Gefühlen und Thätigkeiten, so daß unser inwohnende, vernünftige Geist sich dieses lebendigen, gesunden Werkzeugs frei zu dem höhern Zwecke unsers Daseins bedienen kann.
§6 Der vorurtheillose Beobachter ... nimmt an jeder einzelnen Krankheit nichts, als äußerlich durch die Sinne erkennbare Veränderungen im Befinden des Leibes und der Seele, Krankheitszeichen, Zufälle, Symptome wahr, das ist, Abweichungen vom gesunden, ehemaligen Zustande des jetzt Kranken, die dieser selbst fühlt, die die Umstehenden an ihm wahrnehmen, und die der Arzt an ihm beobachtet. Alle diese wahrnehmbaren Zeichen repräsentiren die Krankheit in ihrem ganzen Umfange, das ist, sie bilden zusammen die wahre und einzig denkbare Gestalt der Krankheit. (Hervorhebung vom Autor)

Krankheit ist ein veränderter Zustand, der mehr ist als die Summe der Symptome.
Es gibt einen inneren Bedeutungszusammenhang der Symptome. Man versucht, den Patienten als Ganzes zu verstehen, als einen Zustand des Seins, weniger als ein Wesen, das unzusammenhängende Symptome und Phänomene zeigt. Auch beim Studium der Mittel sind die sonderlichen und auffälligen Symptome für sich genommen zweifellos wichtig. Aber ein Mittel ist viel mehr als eine Ansammlung von Symptomen. Ein jedes Mittel in der Materia Medica ist ein Seinszustand ("state"). Und als solches muss es auch verstanden und betrachtet werden und nicht als Summe von eigentümlichen Symptomen.
Den grundlegenden (basic) Symptomen kommt mehr Wichtigkeit zu als den zufälligen Ausdrucksformen. Wenn ein Symptom grundlegend ist, lässt es sich bei mehr als einer Gelegenheit bestätigen, es taucht immer wieder auf.

Psychische Symptome bilden eine Einheit, sie sind eine Überlebenshaltung auf eine Situation, die nicht (mehr) existiert – eine unpassende Haltung
Schon Hahnemann beobachtete die zentrale Bedeutung der Geist- und Gemütssymptome.(§211 Organon) Diese seien oft sehr charakteristisch und leicht zu beobachten. Anfangs studierte Sankaran psychische Symptome als charakteristische Kombination von Komponenten. Später konnte er feststellen, dass die psychischen Symptome sich oft für eine spezifische menschliche Situation zusammenfassen und dadurch vielleicht erklären lassen.
z.B. hat Acidum fluoricum:
- "Gleichgültigkeit den Liebsten gegenüber, redet aber freundlich mit Fremden."
- "gesteigerter sexueller Drang" und
"Mangel an moralischem Empfinden".
Diese Symptome können in einer Situation, in der jemand eine unpassende Frau geheiratet hat, eine sinnvolle Einheit bilden. Dann fand er überraschend und bestätigend, dass es für Acidum fluoricum die Rubrik "Wahnidee, Heirat müsse aufgelöst werden" gab.
Es sah also aus, als ob alle Komponenten eines Mittels miteinander verbunden seien und eine sinnvolle Einheit darstellen. Jedes Mittel könnte eine bestimmte Situation darstellen. Bei dem Patienten könnten die Symptome eine Situation abbilden, die zwar gegenwärtig nicht real ist, möglicherweise jedoch aus einer spezifischen vergangenen Situation herrühren. Daraus könnte man Krankheit als Überlebensmechanismus für eine spezifische virtuelle Situation verstehen. Dieses Verständnis ging damit deutlich über die insbesondere von Vithoulkas entwickelten Typenbeschreibungen hinaus.
Krankheit wäre damit eine spezifische Haltung, die der Organismus in einer bestimmten Situation um des Überlebens Willen einnimmt. Solange die Situation existiert, ist die Haltung sinnvoll. Die pathologischen virtuellen Haltungen sind jedoch unpassend, da die dazugehörige reale Situation nicht existiert. Krankheit sei damit also eine unpassende Haltung. Diese kann man auch als Wahnidee bezeichnen, da es sich um eine falsche Wahrnehmung der Wirklichkeit handelt.
Z.B. wird jemand von einem Löwen verfolgt – er rennt schnell, hat große Angst, sein Herzschlag ist schnell – alles angemessene Reaktionen. Das ist normal und gesund und bedarf keiner Behandlung. Wenn aber die gleiche Reaktion angesichts eines kleinen, harmlosen Hundes abläuft, reagiert er "als ob" er einem Löwen begegnet.
Ein besseres Wort für Wahnidee ist vielleicht Illusion. Diese behindert die Sicht auf die Wirklichkeit. Gewahrwerden der wirklichen Situation würde ihn befreien und ihm ein ganzes Paket von damit (in der PNEI-Achse s.o.) assoziierten körperlichen Funktionen ersparen.
Die Symptome eines Arzneimittels können also verstanden werden als Reaktion auf eine Situation, die nur virtuell (nicht real) vorhanden ist.
Was passiert ist und was der Patient davon wahrnimmt oder erlebt, ist oft erstaunlich unterschiedlich.
Ein Beispiel: Eine Patientin fühlt sich bei jedem Auftritt in der Öffentlichkeit unter Stress. Man könnte leicht die Rubrik "Schüchtern in der Öffentlichkeit" nehmen, aber bei weiterem Nachforschen wird deutlich, dass sie sich ihres Aussehens schamhaft bewusst wurde. Sie glaubte zu groß zu sein und zu männlich zu sein. Sie hatte von klein auf einen Widerwillen gegen und Verachtung für ihren Körper. Weitere Symptome führten dann zur Verschreibung von Lac caninum.)
Menschen haben also eine selektive Wahrnehmung und Empfindlichkeit für bestimmte Situationen, welche dadurch schlimmste Gefühle oder die Pathologie auslösen können. Der auslösende Faktor setzt Gefühle und Reaktionen in Gang, die aus der Vergangenheit stammen oder von der Wahnidee geprägt sind.
Diese Phänomene sind meist nicht isoliert. Es gibt meist weitere Situationen im Leben des Patienten, in denen die gleichen oder ähnliche Gefühle herrschten. Jede Reaktion ist spezifisch für den Patienten und es ist wahrscheinlich, dass er dieselbe Reaktion in anderen Situationen auch schon gehabt hat.
Wichtig sind Situationen, die den Patienten in der Vergangenheit (auch Kindheit) stark aus dem Gleichgewicht gebracht haben und einen bleibenden Eindruck hinterlassen haben. Wichtig hier ist nicht was eigentlich passiert ist, sondern, wie es erlebt wurde.

Wahnidee von Stramonium.
Ein Hauptgefühl fasst viele Symptome von Stramonium zusammen:
Das Gefühl, allein in der Wildnis zu sein.
MIND; DELUSIONS, imaginations; alone; wilderness, in a: stram.
Bei Stramonium besteht das Gefühl, dass das vertraute Bett und das Haus zu bedrängend ist und fast erstickend empfunden wird.
MIND; DELUSIONS, imaginations; strange; familiar things are
MIND; FEAR; suffocation, of
Es besteht ein klaustrophobisches Gefühl,
MIND; FEAR; narrow place, in, claustrophobia
Ein verlassenes Gefühl, das Gefühl nicht dazu zu gehören.
forsaken feeling, a feeling that he doesn't belong there (lost),
Er springt plötzlich aus seinem Bett, Zuhause, Gesellschaft, Familie, Beziehungen heraus etc.
MIND; DELUSIONS, imaginations; animals, of; jump out of the ground: stram.
MIND; JUMPING; bed, out of; waking, on
Er entflieht, nur um eine andere Gesellschaft, Firma oder Familie zu finden.
MIND; DELIRIUM; bed; Springs up suddenly from, and escapes
MIND; DELIRIUM; loquacious; escape from bed, with desire to
Die Situation von Stramonium beinhaltet große Bedrohung. Er wähnt sich von jemandem außerhalb bedroht. Er rennt und sucht Licht und Menschen.
MIND; LIGHT; desire for
MIND; COMPANY; desire for; mania, in
Er entflieht der Bedrohungssituation. Stramonium fühlt sich bedroht und reagiert mit Gewalt.
MIND; DELUSIONS, imaginations; murdered; killed, roasted and eaten
MIND; KILL, desire to
MIND; KILL, desire to; knife; with a
MIND; RAGE, fury; kill people, tries to
MIND; STRIKING; imaginary objects, at
MIND; STRIKING; boy clawing his fathers face
Er versucht aus der Situation herauszukommen, versucht sich an jemanden zu klammern, um Unterstützung zu bekommen und hält nach einem sicheren Ort Ausschau.
MIND; CLINGING; persons or furniture, to:
Stramonium hat eine Angst vor Fremden, daher sucht er das Familiäre, das Vertraute. Er fühlt sich terrorisiert durch das Unvertraute. Das Gefühl ist, dass im Angesichts der Gefahr allein da steht und mit Verletzung rechnen muss.
MIND; DELUSIONS, imaginations; injury; injured, is being
Die ganze Situation ist sehr akut und bedrohlich.


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Viele bis dahin isoliert gesehene Symptome erklären sich durch die Illusion oder Wahnidee (basic delusion). Die Gefühle und Handlungen bilden eine logische und sinnvolle Einheit. Man muss nun die Zustände des Patienten mit denen des Mittels abgleichen und nicht jedes einzelne Symptom.


Wurzeln von Krankheit

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Es wäre nach diesem Verständnis zu erwarten, dass eine "basic delusion" aus nicht verarbeiteten früheren Erfahrungen stammt. Das konnte man auch gelegentlich feststellen. Aber häufig war im Leben des Patienten selbst nichts zu finden. Sie könnten aus realen Situation von Vorfahren stammen. In diesem Zusammenhang war die Beobachtung interessant, wie oft solche realen Situationen in der vorgeburtlichen Phase während der Schwangerschaft der Mutter oder der Eltern zum Zeitpunkt der Konzeption ermittelbar waren.

Das führte zum Konzept der Krankheitswurzeln vergleichbar dem Begriff der Krankheitsdisposition. Wurzeln sind angelegt – auch mehrere –. Sie können durch äußere Situationen getriggert werden und entwickeln sich dann zu manifesten Krankheiten. Sankaran glaubt, dass zu einem jeweiligen Zeitpunkt immer nur eine Wurzel dominant ist. Das Mittel muss mit dem dominanten Zustand abgeglichen werden. Oft wird nach einer erfolgreichen Behandlung ein latenter Zustand dominant und weist auf ein Ergänzungsmittel hin. (Vgl. Organon § 167)
Manchmal kann man erkennen, dass ein Elternteil sich im gleichen Zustand befindet wie das Kind. Das Agieren oder Reagieren beobachtet man oft beim Kind. Die dazugehörige Wahrnehmung der Situation kann man dann eventuell bei dem Elternteil sehen.

Situation und Reaktion – Wahnidee und Zwang – zwei Seiten einer Münze
In der Psyche unterscheidet man Wahrnehmung von Handeln. Entweder empfindet der Patient etwas oder er bringt sich durch ein Tun zum Ausdruck. Alle Phänomene lassen sich in diese beiden Bereiche aufteilen. Das trägt der Lebendigkeit eines Organismus, welcher immer auf der Basis von Reiz-Reaktionssytemen funktioniert, Rechnung.
Im Leben ist die Wahrnehmung einer bestimmten Situation (delusion) immer mit einer dazu passenden Reaktion (compulsion) gekoppelt.
z.B. gehört der Anblick eines wilden Tieres im Urwald (Wahrnehmung der Situation) unmittelbar zur der daraus folgenden Reaktion (Schreck, Herzschlag steigt, Stressreaktion des vegetativen Nervensystems, gewalttätiger Angriff oder Flucht etc.)
In Entsprechung zur Wahrnehmungsweise der Hauptbeschwerde("as-if" Gefühl) sieht man oft eine passende Reaktion beim Patienten. Manchmal ist sie eine direkte Reaktion auf die Beschwerde, manchmal kann sie aber auch ganz woanders im Fall vorkommen.
z.B. Anfall von Bauchbeschwerde, wie wenn eine Bombe explodiert – wenn dann irgendwo sonst im Fall das Thema Verteidigung kommt – hat man eine Entsprechung im Reaktionsbereich und man kann diese beiden Symptome koppeln – Sie stellen einen Hinweis auf ein Metall dar.
Die Reaktion auf die Krankheit oder das was der Patient dann tut (compulsion) muss eine Antwort sein auf die Wahrnehmung und die Empfindung in der er sich wähnt (delusion, sensation). Das Tun ist auf die Wahrnehmung bezogen und ist dieser in der Zielsetzung entgegengesetzt.
Beispiel: Bei aktuell drohendem raschen Verlust möchte der Patient eine schnelle Rettung; wenn die Befürchtung besteht, etwas werde in Zukunft schlimmer, dann kümmert er sich um die Bewahrung dessen. Seine Reaktion ist genau auf die zeitlichen Dimension der wahrgenommen Bedrohung abgestimmt.
Die hier zugrundeliegenden Gesetze sind nicht nur auf das Konzept der Wahnidee (delusion) und der dazugehörigen zwanghaften Handlung (compulsion) begrenzt. Man kann sie in jedem dynamischen Symptom finden.

Gesetze der Polarität und Projektion

Empfinden und Tun sind gleichsinnig und entgegengesetzt

Das heißt, unser Handeln neigt dazu, auf das bezogen zu sein, was wir glauben, was uns selbst geschieht.
Wer sich z.B. beleidigt fühlt neigt dazu, andere zu beleidigen. Oder wenn ein Mensch meint, er sei verletzt worden, tendiert er dazu genauso den anderen zu verletzen – in der gleichen Weise und Stärke, wie er glaubt es zu erleiden. Er muss es nicht wirklich tun, aber es entspricht einem natürlichen Impuls.
Man kann das finden bei Mitteln wie Platina und Mercurius, die Tötungsimpulse haben und gleichzeitig, die Angst getötet zu werden. Staphisagria hat z.B. die Empfindung von Erniedrigung und gleichzeitig die "Einbildung hält andere für minderwertig und sich selbst für groß". Diese Zusammenhänge findet man bei vielen Mitteln. Besonders hilfreich ist dieses Konzept jedoch bei denjenigen Mitteln, von denen nur eine Seite in Prüfungen oder klinischer Erfahrung bekannt geworden ist. Wenn nur das Handeln bekannt ist, muss es dazu eine gleichsinnige und gegensätzliche Empfindung geben. Empfinden und Handeln sind wie die zwei Seiten einer Münze. Dieses Konzept kann man auch gut in der Fallanalyse einsetzen. Wenn jemand z.B. von Tötungsimpulsen spricht, kann man vermuten, dass er eine vielleicht unbewusste Angst hat, getötet zu werden. Diese Empfindung findet man höchstwahrscheinlich in seinen Träumen, Interessen und Hobbys. Manchmal kommt es sogar als Motiv in seiner Hauptbeschwerde vor z.B. "meine Halsschmerzen bringen mich um".
In einem Fall, in dem die Patientin sich von ihren Verwandten im Stich gelassen fühlte war das neben anderen Symptomen ein Hinweis für Secale cornutum, weil das Mittel das gegenteilige Symptom: "Delirium, verlässt ihre Verwandten" hat.
Dieses Vorgehen füllt viele Lücken in der Materia Medica und vervollständigt das Gesamtbild.

Von allem Gesagten ist ebenfalls das Gegenteil wahr
Diese Regel hat mit dem Begriff der Empfindlichkeit (sensitivity) zu tun. In jedem Fall ist es eines der wichtigsten Dinge den Bereich der Empfindlichkeit zu erkennen. Empfindlichkeit ist immer ein Gegensatzpaar. Wenn immer ein Patient spontan etwas berichtet, bedeutet es, dass er für diese Sache eine besondere Empfindlichkeit hat. Diese kann in zwei Richtungen zum Ausdruck kommen. Wenn jemand z.B. große Angst vor öffentlichen Auftritten äußert, heißt das auch, dass er das Potential eines guten Redners hat. Die gleiche Empfindlichkeit, die ihm Angst macht, kann ihn auch zu einem guten Redner machen. (Arg.). Gleichermaßen kann jemand, der viele moralische Skrupel zeigt, z.B. von der Angst spricht, etwas falsch zu machen oder auch empfindlich ist, wenn er selbst betrogen wird, auch fähig sein, andere zu betrügen. Das Phänomen, dass jemand ein bestimmtes Thema betont weist auf seine Empfindlichkeit dafür hin. Und was er bezüglich dessen erzählt kann nur auf dem Hintergrund des Entgegengesetzten existieren, wie ein weißer Gegenstand nur auf schwarzem Hintergrund zu sehen ist (und nicht auf weißem Hintergrund). Wenn jemand viel von Liebe spricht, muss Hass irgendwo ein Thema sein. Schönheit kann nur auf dem Hintergrund von Hässlichkeit existieren. Wenn jemand mit seinem Mut protzt heißt das, dass er ängstlich ist. Diese Angst kommt dann unbewusst zum Ausdruck in seinen Träumen, Hobbys – oder in den Erfahrungen seiner Kindheit. Wenn jemand etwas stark leugnet (z.B. keine Angst vor dem Tod zu haben) ist meist das Gegenteil wahr.
Diese zweite Regel geht Hand in Hand mit der ersten, dass Empfinden und Tun gleichsinnig und entgegengesetzt sind.

"Es gibt niemanden draußen in der Welt als mich allein."
Das ist die dritte Regel. Alle unseren Funktionen sind bestimmt durch individuelle Empfindlichkeiten. Man kann nur wahrnehmen, wenn man dafür empfindlich ist. Wofür man nicht empfindlich ist – das nimmt man überhaupt nicht wahr. Wenn man also bestimmte Qualitäten an anderen wahrnimmt, dann nur wegen dieser individuellen Empfindlichkeit. Wenn man z.B. andere als verächtlich empfindet, dann kann das nur an einer eigenen Empfindlichkeit in diesem Bereich (Verachten, verachtet werden) liegen. Hier schließt sich wieder die erste Regel an: Wir reagieren in einer gleichsinnigen und gegensätzlichen Weise auf das, was wir wahrnehmen.
Man sieht andere nur im Spiegel der eigenen Empfindlichkeiten und jenseits dieser existiert diese Person gar nicht. Also gibt es niemanden da draußen als nur man selbst.
Das gilt auch für andere Objekte. Wenn jemand z.B. vom Himalaya beeindruckt ist, werden alle Eigenschaften, die er für die Beschreibung verwendet mit seiner eigenen Empfindlichkeit zu tun haben. Wenn er sie als wunderschön bezeichnet, liegt seine Empfindlichkeit wohl im Bereich Schönheit – Hässlichkeit; wenn er die Mächtigkeit der Berge beschreibt, liegt seine Empfindlichkeit wohl im Bereich Macht – aber auch dem Gegenteil Ohnmacht. Wenn also diese Person Berge sieht, sieht sie tatsächlich nur sich selbst oder einen Aspekt von sich selbst.
Für die Praxis sind diese Erkenntnisse von erheblicher Bedeutung. Viele Äußerungen und Beschreibungen über andere Personen kann man komplett dem Patienten zuschreiben.
Man tut sich selber das an, was man glaubt, dass andere es einem antun und man handelt anderen gegenüber so, wie man selbst gern behandelt werden möchte. (erste Nebenregel)
Wenn z.B. eine Person den Wunsch hat, andere zu zerstören, dann will er sich selbst auch zerstören. Wir sehen uns selbst nur im Gegenüber des anderen. Also hat eine suizidale Person oft auch Tötungsimpulse oder Tötungsphantasien. Das kann man auch in den Symptomen der Mittel wiederfinden und löst viele scheinbare Widersprüche auf. z.B. finden sich fast alle Mittel der Rubrik: Schlägt seinen Kopf gegen die Wand" auch in der Rubrik "Schlägt andere" wieder.
Opfer und Täter sind zwei Seiten des gleichen Zustandes. Das Opfer hat das Potential des Täters und umgekehrt. (zweite Nebenregel)
Wenn man z.B. in einer Komödie lacht, wenn jemand hinfällt und sich verletzt (Schadenfreude), lacht man nur, weil man eine Empfindlichkeit hat für Verletzung und Fallen. Und obwohl man in diesem Fall der Aggressor ist, ist man gleichzeitig das Opfer.
Komplementäre Beziehungen
Oft repräsentieren die Menschen, die man sich für eine Beziehung aussucht oder deren Einfluss man unterliegt, Zustände komplementärer Heilmittel. (z.B. Eine Frau hatte kindliche Erfahrungen von peinlichen Situationen und sexuelle Schuldgefühle, worüber sie kaum reden konnte (Kali-br.). Ihr Mann war völlig schamlos und redete laut über sexuelle Dinge z.B. im Zug.(Hyos.) Das was sie an ihm mochte, missfiel ihr gleichzeitig.)
Bewusste und unbewusste Symptome – das Phänomen der Kompensation
Diese ganzen Erkenntnisse veränderten die Sichtweise radikal. Anstatt einfach nur Symptome auszulisten geht es jetzt darum, den Gefühlszustand des Patienten oder seine Wahnideen zu durchschauen. Das gelingt nicht so einfach, da viele Dinge unbewusst sind.
Phänomen der Kompensation
Eine wichtige Erkenntnis war die der Kompensierung von Zuständen. Bei Aurum z.B. fand Sankaran in der Praxis bei vielen seiner Patienten Symptome von großem Verantwortungsgefühl und großer Gewissenhaftigkeit – und nicht die depressiven mit suizidaler Neigung, wie in der Materia Medica beschrieben. Wie konnte man das verstehen. Die Prüfungssymptome werden von "gesunden" Menschen erhoben. Sie werden völlig unvorbereitet mit der Dynamik des Mittels konfrontiert – dadurch stehen bei Prüfungen die Symptome des "Versagens" im Vordergrund. Wer jedoch sein ganzes Leben schon der Aurum-Energie (wahnhaft) ausgesetzt ist, hat sich daran gewöhnt und hat es gut geschafft, kein Verbrechen begangen zu haben etc. Er hat Qualitäten erworben, dieser Situation erfolgreich zu begegnen.
Oft findet man gerade in den Bereichen, in denen der Patient den besten Ausgleich geschaffen hat, die Sphäre der größten Angst. und damit seinen größten Schwachpunkt.
Gewöhnlicherweise gut kompensierte Patienten auch keine oder nur geringe Pathologie. Diese Bewältigung des Problems nennt Sankaran Kompensation. Es handelt sich nicht um eine Heilung, da der Patient sich ständig und zwanghaft der Situation ausgesetzt fühlt.. Die Situation dominiert, er kann sie jedoch positiv bewältigen. Er wird zu einem Experten der dominanten Situation. Der Patient hat nicht die Unangemessenheit seiner Wahrnehmung erkannt. Er bewältigt nur die Anforderungen, die damit an ihn gestellt werden.
Der kompensierte Zustand repräsentiert die positive Seite des Mittels, der dekompensierte Zustand die negative. Das hat auch Auswirkung auf die Potenzwahl. Je stärker die negative Seite auf einer bewussten Ebene zum Ausdruck kommt, umso höher ist die Potenz des Mittels, die er benötigt
Beispiel: Wenn ein Patient, der Aurum braucht, suizidal ist, dann sollte er eine hohe Potenz bekommen.
Viele Patienten sind, wenn sie zur homöopathischen Konsultation kommen, in einem dekompensierten Stadium. Sie kommen meist, um der Erleichterung ihrer körperlichen Beschwerden willen. Die meisten brechen die Behandlung ab, sobald sie Erleichterung verspüren. In vielen Fällen können wir auch beobachten, wie sie sich von einer Phase der Dekompensation in eine der Kompensation entwickeln. Es ist ein langer Prozess, sie von der Kompensation und des Erfolges zu einer größeren Bewusstheit zu führen. Er dauert viel länger als der von der Dekompensation zur Kompensation.
Träume enthüllen unkompensierte Gefühle
Wie kommt man zu den unkompensierten Zuständen, welche die wertvollen Symptome enthalten? Kompensation bedarf eines Willensaktes, deshalb findet sich im Traum am deutlichsten das Unkompensierte. Daher sind die Träume ein Schlüssel zur Wahnidee. Träume tauchen z.B. auf, wenn ein Mensch sich nicht gestattet, im bewussten Zustand Gefühle zu durchleben. Je mehr Träume es gibt und je intensiver die Gefühle in den Träumen sind, umso stärker ist die Wahnidee und umso intensiver der Zustand.
Abwesenheit von Träumen ist entweder ein Zeichen von Gesundheit oder, wenn es von mächtiger Pathologie begleitet ist, das Zeichen einer schweren Krankheit. Im Fall der Gesundheit ist sich der Mensch seiner Gefühle bewusst. Sie bleiben auf einer bewussten Ebene; deshalb das Fehlen von Träumen. Aber im Fall einer fortgeschrittenen Pathologie muss die Krankheit sich von einer unbewussten Ebene zur Organebene verschoben haben. Dann fehlen die Träume ganz.
Um was für einen Traum es sich auch handelt und wie verwirrend er auch sein mag, es findet sich immer ein damit assoziiertes Gefühl – eine Emotion. Dieses Gefühl ist meistens auch in den übrigen Bereichen der Fallgeschichte zu finden, besonders in den wichtigsten Vorfällen im Leben des Patienten. Wenn der Traum durch Aufwachen oder sonst wie unvollständig bleibt, kann man die Gefühlstiefe erspüren, wenn man den Patienten danach befragt, wie der Ausgang des Traumes wäre, wenn er ihn bis zu Ende geträumt hätte. Man kann auch Patienten die Vervollständigung eines Traumes phantasieren lassen. Sie können nur aus ihrem eigenen Unbewussten schöpfen. Was ihnen dazu einfällt ist immer richtig. Bei angenehmen Träumen, welche dem Wunsch des Patienten entsprechen – und damit oft mit Hobbys etc. übereinstimmen, sucht man nach dem gegensätzlichen Gefühl oder Motiv. Dieses ist meist die Art und Weise, wie er seine Situation wahrnimmt (delusion).
Oft stehen die angenehmen und die unangenehmen Träume einander polar gegenüber. Wenn man das gemeinsame Element der beiden herausfindet, versteht man einen wichtigen Aspekt des Patienten. Diese Verbindung mag nicht offensichtlich sein, aber da sie nun einmal da sein muss, sollte man sie auch suchen.
Träume ohne Emotionen haben symbolische Bedeutung. Wenn sie immer wieder vorkommen, kann man sie im Repertorium suchen. Wenn keine Emotion damit assoziiert ist, ist der Traum an sich von Bedeutung.
Auch in normalen Beschreibungen verwenden Patienten bestimmte Schlüsselwörter. Wenn diese Ausdrücke oder Assoziationen ohne Emotion verwendet werden, können sie ebenso symbolische Bedeutung haben und weisen manchmal auf die Herkunft des Mittels.(Signatur). z.B. "ich fühle mich gezügelt", "ich träume wiederholt von Vulkanen". Sie entsprechen sehr tiefen Schichten.

Hobbys zeigen die kompensierte Seite der gesuchten Situation
Hobbys weisen darauf hin, was ein Mensch mag. In dieser Hinsicht sind sie wie angenehme Träume und Phantasien. Es gibt aktive Hobbys, welche gestatten, den Zustand auszuleben, es gibt passive wie Musikhören, Lesen, Kino. Manchmal ist die gesuchte empfindliche Situation in der Art der Witze zu finden, die jemand macht. Wenn wir die schreckliche Seite einer Situation nicht ertragen können, machen wir darüber Witze. Berufswunsch, Zielsetzungen und Ambitionen sagen auch viel über die gesuchte empfindliche Situation aus.

Die vier möglichen Phasen der Wahnidee
Beim genaueren Studium der Muster eines Mittels stellte sich heraus, dass es mehrere Versionen gibt. Diese lassen sich in eine Stadien- oder Entwicklungsabfolge bringen. Sie repräsentieren die Reaktion eines Menschen in dem Maß, in dem die Wahnidee sich intensiviert.
Hier beispielhaft für Calcium sulphuricum gezeigt:
Stadium 1: Die Wahnidee oder das Hauptgefühl "Jammert, weil er nicht anerkannt wird."
Stadium 2: Mechanismen, die helfen sollen, die Situation zu bewältigen, wenn die Intensität der Wahnidee größer wird "Er versucht, Anerkennung zu gewinnen."
Stadium 3: Stadium des Versagens, wenn der Mensch, obwohl er äußerste Anstrengungen darum macht, die Wahnidee nicht mehr kompensieren kann, weil diese zu stark geworden ist "Hass, streitet, eifersüchtig"
Stadium 4: Stadium des Aufgebens, der Mensch unternimmt keine Anstrengungen mehr "Sitzt da und sinniert über eingebildetes Unglück"

Die Entstehung von Pathologie
Die Pathologie ist nichts anderes als eine Ausdrucksform der Wahnidee.
In manchen Fällen kann der auslösende Faktor für die körperliche Pathologie das plötzliche Verschwinden eines Stressfaktors sein. Dann schafft der Körper sich eine Pathologie, um die äußere Wirklichkeit (die verschwunden ist) wieder zu erschaffen, so dass die Wahnidee ihre Erfüllung findet.
Oft ist zu beobachten, dass sich die Wahnidee eine passende Pathologie quasi sucht, wenn sie keine Situation findet, in der sie zum Ausdruck kommen kann.
Beispiel: Eine Frau fühlt sich durch den Leistungsdruck des Vaters extrem eingeschränkt. Nach seinem Tod entwickelt sie Ausschläge an den Fingern, sodass sie in ihrer Arbeit als Zahnärztin stark eingeschränkt ist.
Oft entwickeln Patienten Pathologie in einem Bereich, welcher die größte Bedeutung für sie hat, oder eine Pathologie, die das am meisten Befürchtete beinhaltet. (z.B. Schreibkrämpfe bei einem Pianisten) Es ist, als ob die Pathologie den Patienten in den empfindlichsten Bereich seines Lebens führt. Sie ist ein tiefer Ausdruck seiner Unfähigkeit diesen Lebensbereich zu bewältigen. Manchmal ist es für den Arzt leichter als für den Patienten, dies zu erkennen.
Der Auslöser für die Pathologie (Causa) ist nicht das, was wirklich geschah, sondern das, was in den Augen des Patienten geschehen war und wie er die Situation zu dem Zeitpunkt wahrgenommen hatte.
Beispiel: z.B. setzt die Pathologie ein nachdem der Ehemann ein enges Verhältnis zu einer anderen Frau aufbaut. Es erscheint von außen wie Eifersucht. Die Patientin träumt aber von dieser fremden Frau als einem Monster, das nach ihrem Leben trachtet. Man darf dann nicht Eifersucht als zentrales Symptom nehmen, sondern die Lebensgefahr durch ein Monster.

Miasmen
Auf der Suche nach allgemeinen Kategorien, welche die Suche nach dem hilfreichen Mittel eingrenzen können, stieß Sankaran neben den Wahnideen auf die Miasmen. Sie versprachen, geeignete allgemeine Einteilungskriterien für die von ihm gefundenen Wahnideen (Seinszustände der Krankheit) zu sein. Er untersuchte die von Hahnemann eingeführten [CK] und von J.H.Allen [ACM] weitergeführten Einteilungen auf ihre psychologischen Elemente.
Er stellte fest, dass die Miasmeneinteilungen helfen, ansonsten ähnliche Arzneimittel zu unterscheiden. (z.B. Egoismus: Sulphur-psorisch, Medorrhinum-sykotisch, Platin-syphilitisch)
Das Wahnidee-Konzept kann man auch auf die Miasmen übertragen. Gibt es Formeln, mit denen man die Phänomene der miasmatischen Krankheitsentitäten erfassen kann? Gibt es einen inneren Zusammenhang, eine Regelhaftigkeit in der Zuordnung zu den Miasmen? Die "Miasmatiker" betonen die hohe Priorität dieser Kategorie. Eine Abbildung des Miasmas im Mittel hat die höchste Priorität und verspricht besonders tiefe und nachhaltige Wirksamkeit.
Man kann erkennen, dass die antisyphilitischen Mittel das gemeinsame Motiv der Zerstörung haben, sowohl in der Pathologie als auch im Psychischen. Bei den sykotischen Mitteln geht es um fixe Ideen, Rigidität, Chronizität, bei den psorischen Mitteln findet man Gefühle der Hoffnungslosigkeit und Optimismus.
Da innerhalb der großen Miasmeneinteilungen noch weitere deutlich unterscheidbare Reaktionsformen zu erkennen waren, erweiterte Sankaran die Skala auf insgesamt 10 Miasmen. Die Dazugekommenen stellen meist Übergänge und Mischungen der klassischen Miasmen dar.
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Man sollte zur Unterscheidung von anderen Miasmenkonzepten möglichst von "Miasma nach Sankaran" sprechen um nicht noch mehr Verwirrung in diesen vielschichtigen Bereich der Homöopathie zu bringen.

Eine eigene "Erfindung" Sankarans stellt das Akut-Miasma dar. Es hat eine eigenständige Position in seinem System. Alle weiteren werden in Bezug gesetzt zu bereits bekannten Miasmenbegriffen. Das Ringworm-Miasma leitet sich aus einer Tinea-Erkrankung ab. Sankaran suchte nach einer Krankheit, die sowohl psorische als auch sykotische Anteile hat. Er fand sie in der Ringworm-Krankheit (engl. Begriff für Tinea oder Trichophytie). Er prüfte die Nosode und positionierte das Ringworm-Miasma zwischen Psora und Sykose. Viele ursprünglich als psorisch klassifizierte Mittel, sind jetzt hier zu finden. Zwischen Psora und Akut-Miasma liegt das Typhus-Miasma. Es hat Gefühle von akuter Gefahr als auch die Hoffnung auf vollständige Wiederherstellung. Das Malaria-Miasma hat ebenso akute, gefährliche Phasen, die aber mit sykotischen Phasen abwechseln. Krebs-Miasma, Tuberkulin-Miasma und Lepra-Miasma liegen alle zwischen Sykose und Syphilis.
Die Miasmenzuordnung geschieht zunächst auf der Grundlage der danach benannten Krankheiten. Die Nosoden und deren Symptome sind die Repräsentanten dafür. D.h., wenn ein Mittel besonders dafür bekannt ist, dass es die genaue "Miasmakrankheit"(Tinea, Gonorrhoe, Tuberkulose etc.) heilen kann oder geheilt hat, dann ist das ein gewichtiger Punkt dieses Mittel dem Miasma zuzuordnen. Die organische Pathologie ist eine Art Kristallisationspunkt der Miasmen. Sie sind der körpernächste Ausdruck einer bestimmten Bewältigungsstrategie, eine Art Materialisation der zugrundeliegenden Dynamik. Aber nichts ist absolut - es gibt durchaus Heilungen einer der Miasma-Krankheiten, ohne, dass das Mittel diesem Miasma zugeordnet ist. Das gilt besonders für die Polychreste, welche ja meist schon viele Krankheiten geheilt haben. Entscheidend ist letztlich das Gesamtmuster der körperlichen und seelischen Phänomene.
Die Arzneimittel liegen mehr und weniger zentral(reinrassig) in einem Miasma. Sie können auch zwischen zwei Miasmen liegen. Sie können jedoch nicht mehrere Miasmen gleichzeitig beinhalten. Sie belegen auf einer kontinuierlichen Skala eben einen Randpunkt. Die Mittel sind wie Länder auf einer Landkarte, die man in Kontinente (Miasmen) eingeteilt hat.

Ein Quantensprung der Erkenntnis im Jahr 2000 -
Die (Vital-)Empfindung
Ab dem Jahr 2000 erfuhren seine bis dahin angelegten Konzepte durch die Entdeckung der sogenannten "Vital-Empfindungen" (vital sensation) im Pflanzenreich einen Quantensprung. Eine neu eingeführte Methodik, welche Mittelverständnis, Anamnesetechnik und Analysestrategie umfasst, führte im letzten Jahrzehnt zu einer Kaskade und Fülle von neuen Erkenntnissen.
Bei der Suche nach Gemeinsamkeiten verschiedener Mittel einer Pflanzenfamilie fand Sankaran heraus, dass sich nicht die psychischen Symptome oder die "Wahnideen/Illusionen", die er vorher als zentral für die Mittel erarbeitet hatte, als gemeinsame Merkmale identifizieren ließen, sondern es die einfachen Phänomene der Lebensäußerungen insbesondere die Empfindungen waren, welche sich innerhalb einer Pflanzenfamilie wiederholten. (z.B. das Motiv der Verletzung bei den Compositae). Ausgangspunkt war für ihn eine Computersuche im Repertorium. Er suchte nach den Rubriken(Symptomen), in denen eine Pflanzenfamilie besonders stark vertreten ist. Es stellte sich heraus, dass bei der Suche nach dem zentralen Motiv eines Mittels die Konzentration auf die einfachen Begriffe und Dimensionen sehr ergiebig ist. Hier findet man Gemeinsamkeiten, die letztlich in eine erstaunliche Transparenz des Mittels münden. Das Mittel oder die Familie wird dann mittels eines Grundbegriffes "begreifbar".
Die konkrete Vorgehensweise zur Ermittlung dieser "Familienmotive" wird im Folgenden kurz dargestellt.

Methodik der Analyse der Gemeinsamkeiten der Pflanzenfamilien
Beim Studium der Pflanzenfamilien ging Sankaran folgendermaßen vor:
1. musste bestimmt werden, welche Mittel zu einer bestimmten Familie gehören.
2. mussten daraus die gut bekannten und klinisch bewährten Mittel selektiert werden.
3. wurden 2-5 Mittel dieser Gruppe einer Suche im Repertorium unterzogen (MacRepertory). Alle Rubriken, welche 3 (4 oder 5) Mittel der untersuchten Familie hatten, sollten gesucht werden.
4. Am Ende wurde diese Liste aufsteigend nach Rubrikengröße sortiert. Dadurch kamen diejenigen Rubriken nach oben, welche den größten prozentualen Anteil an Mitteln dieser Familie besaßen.
5. Wenn man dann diese Liste selektiv nach Empfindungen oder denkbaren Gefühlen durchmusterte, stieß man bald auf ein durchgehendes Motiv, welches die Basis für eine genauere Analyse in den Mittelbeschreibungen selbst wurde. Wenn sich in den emotionalen und unbewussten Symptomen der Mittel(Träume etc.) das Motiv nicht wiederfand, musste die hypothetische Empfindung fallen gelassen werden und nach einer neuen ubiquitär nachweisbaren gesucht werden.
6 Die hypothetische "Universal-Empfindung" musste nun für jedes Mittel überprüft werden. Dabei verwendete Sankaran hauptsächlich Phataks Materia Medica und die Liste der Repertoriums-Extraktions (auch umgedrehtes Repertorium genannt) aus dem Complete Repertory von van Zandvoort (aus MacRepertory),
7. Als erste Bestätigung wurde überprüft, ob die charakteristischen Symptome des Mittels die Universal-Empfindung direkt oder indirekt enthielten.
8. Die zweite Bestätigung war, wenn das psychische Bild eine Widerspiegelung der Universal-Empfindung enthielt.
9. Wenn dann die Universal-Empfindung mit größerer Sicherheit ermittelt werden konnte, wurden alle Mittel noch mal studiert in Hinsicht auf die verschiedenen Ausdrucksformen der Universal-Empfindung (Empfindung direkt, aktive Reaktion, passive Reaktion, Kompensation) Hierbei waren die schon oben beschriebenen Gesetzmäßigkeiten der Polaritäten sehr nützlich.
10. Als nächstes musste das jeweilige Miasma bestimmt werden. Dies war schon bei den bekannteren Mitteln schwierig, aber noch schwieriger bei den vielen kleinen Mitteln.

Jedes Mittel einer Pflanzenfamilie unterscheidet sich durch das Miasma
Die Entdeckung der Gemeinsamkeiten der Mittel einer Pflanzenfamilie in den Empfindungen führte im nächsten Schritt zu einem tieferen Verständnis auch der psychischen Zustände der Mittel. Die Frage war zunächst, warum trotz der jetzt ermittelten Gemeinsamkeiten, das psychische Bild der Mittel (z.B. Puls., Acon., Staph.) so unterschiedlich waren. Die Antwort war: Sie gehören zu unterschiedlichen Miasmen.
Schlüsselfall von Abrotanum
Der Fall eines kleinen Jungen war ein Schlüssel für das Verständnis dieses Zusammenhangs:
Er hatte schon seit Wochen ein anhaltendes Fieber von 102 F. Er verlor schon einiges an Gewicht.
Er war ein neugieriger, hyperaktiver Jungen. Wenn es ihm gut ging, wollte er immer irgendwo anders hin.. Er konnte nicht an einem Ort bleiben. Er war sehr ruhelos, biß und schlug andere, wenn sie ihn an dem, was er tun wollte, hinderten. Er war ziemlich gereizt, wenn er durch was auch immer gestoppt wurde.
Sankaran gab Tuberkulinum – ohne Erfolg
Dann gab er Cina - auch ohne Erfolg. Nichts konnte dem Fieber etwas anhaben.
Dann wurde eine charakteristische Nahrungsmodalität bekannt. Der Junge mochte am liebsten Brot mit Milch. Dies ist ein Charakteristikum für Abrotanum
GENERALITIES; FOOD and drinks; bread; desires; boiled in milk : abrot.
Damals verstand Sankaran dann, daß Abrotanum aus der gleichen Pflanzenfamilie wie Cina stammt aber im Miasma tuberkulinisch ist. Abrotanum muß also der Kreuzungspunkt der Compositae mit dem tuberkulinischen Miasma sein. Mit Tuberkulinum hatte er das Miasma berücksichtigt, mit Cina die richtige Pflanzenfamilie. Das tuberkulinische Mittel der Compositae war aber Abrotanum, welches heilte.
Ich gab das Mittel und er machte sich bestens. Das Fieber, welches seit Wochen bestand, hörte innerhalb von 24 Stunden auf und es geht ihm jetzt seit ca. 4 Jahren sehr gut.

Dies führte zur Erkenntnis, das jedes Mittel auf dem Schnittpunkt der Pflanzenfamilie (und seiner Empfindung) und dem Miasma liegt.
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Jedes Mittel einer Pflanzenfamilie hat zwar den gleichen Bereich der Empfindlichkeit (z.B. Verletzung bei den Compositae), diese wird jedoch unterschiedlich massiv bzw. unterschiedlich bedrohlich empfunden. Das Ausmaß der Verzweiflung ist verschieden. Hier ist wichtig zu bemerken, dass es sich um das vom Patienten subjektiv empfundene Ausmaß der Verzweiflung handelt; d.h. wie schlimm der Patient seine Krankheit empfindet und einschätzt.
Auch bei der neuen Anamnesemethode, in der die Hauptbeschwerde mit ihren Charakteristika im Mittelpunkt steht, schälen sich durch assoziative Verknüpfungen der "Bedeutung" dieser Charakteristika Kernbegriffe heraus, welche weit primitiver sind als die bisherigen komplexeren Konstruktionen. aus den psychischen Symptomen(Wahnidee, Illusion etc.). Aus diesen einfachen Kernbegriffen lassen sich die psychischen Symptome sekundär ableiten. Besser gesagt erkennt man, dass alle Wahrnehmungsebenen des Menschen (Intellekt, Emotion, Phantasie) diese einfachen Begriffe in einer Art Grundfärbung beinhalten. Die moderne Homöopathie mit ihrer Betonung der spezifisch menschlichen Psyche wird damit auf den Kopf gestellt - und damit auch das Selbstverständnis des Menschen. Die menschliche Dimension als Krone der Schöpfung ist wirklich nur eine Krone, nicht jedoch der Kern und Ursprung. Die menschliche Psyche ist also aufs Engste verbunden und gründet auf simpleren Mustern. Die ausdifferenzierte Psyche, insbesondere der Intellekt ist ein Endpunkt und ein Höhepunkt der Entwicklung. Die mehr simplen oder besser gesagt ursprünglicheren Muster, welche eher dem Ausgangspunkt allen Lebendigen entstammen, werden in der Entwicklung und Ausdifferenzierung im Menschen wie ein Grundbaustein oder Grundmuster verwendet. Sie finden sich im Psychischen in einer Art Grundfärbung wieder. Die psychischen Symptome werden dadurch nicht unwichtig. Im Gegenteil – sie dienen jetzt der notwenigen Bestätigung des zentralen Motivs. Dieses muss sich eben auch im Psychischen wiederfinden. In der neuen Schwerpunktverschiebung nehmen die Gesten eine zentrale Stellung ein. Psyche und primitivere (im Sinne von ursprünglich) Körperlichkeit, ausgedrückt in einfachen Empfindungen oder simplen Bewegungsmustern, lassen sich jetzt verbinden. Die Analyse überwindet die künstliche Spaltung von Körper und Geist, welche im Organismus nie wirklich existiert
Es geht im Anamneseprozess nun vorrangig darum, ein wiederkehrendes Motiv, welches wie ein durchlaufender roter Faden den ganzen Fall durchzieht, zu identifizieren. Dieses Grundmuster könnte man an Bönninghausen angelehnt als den Genius des Falles bezeichnen.
Je mehr Kasuistiken (Sankarans oder eigene) in dieser Weise gesehen und verstanden hat, um so mehr Gewissheit stellt sich ein, dass es in jedem Fall eine allumfassende Ordnung, ein zum gegenwärtigen Zeitpunkt alles durchdringendes Muster zu finden gibt. Erst diese Gewissheit gibt die notwendige Geduld, danach zu suchen.
Jeder Homöopath, der wie der Autor das Glück hatte, von Anfang an, diese Konzepte kennengelernt zu haben, berichtet über deutliche Steigerungen der Erfolge in der Praxis. Viele dümpelnden Fälle mit unzufriedenstellenden Verläufen können nun gelöst werden.

Signatur
Eine Gruppierung und Systematisierung der Materia Medica anhand natürlicher Ordnungen (Taxonomie) berührt auch den Begriff der Signatur. Für Sankaran ist es wichtig, dass sich die Behandlung auf einen Gesamtzustand zu beziehen hat und nicht auf isolierte Symptome. Jeder Patient drückt mit seinen Symptomen einen Gesamtzustand aus und jedes Mittel stellt einen Seinszustand dar.
Das Mittel stammt aus unterschiedlichen Bereichen der Natur und der Seinszustand eines jeden Mittels hat eine Beziehung zu dieser Ursprungsquelle (Signatur).
Die Bestimmung des Naturreiches sollte auf einer Gruppe von Eigenschaften beruhen, nicht auf einem isolierten Merkmal. Zur Identifikation des Naturreiches bräuchte man das Gefühl oder das Thema eines ganzen Zustandes. Symptome seien charakteristisch für ein Mittel, nicht für ein Naturreich.
Nach Sankaran werde durch die Potenzierung der Geist dieser Substanz, der in der groben Form nur latent oder schlafend vorliege, geweckt und aktiviert. Es sei dieser Geist oder diese dynamische Kraft, die auf eine ähnliche Kraft im menschlichen Körper wirke, um ihn zu heilen.
Um das Arzneimittel zu verstehen, müsse man diesen lebenskräftigen Geist, welcher ja der Ursprungssubstanz Leben verleiht, zu erkennen versuchen. Dies darf man allerdings nicht simpel als Ableitung der Wirkung eines Naturstoffes sehen z.B. auf Grund seiner Formensprache oder sonstiger Assoziationen, die man mit ihm hat. Es ist wie bei Hahnemann nur möglich mit der ..."Sprache der sorgfältig und redlich befragten Natur". Wenn sich dabei unübersehbare Beziehungen zu charakteristischen Parametern des Naturstoffes oder deutliche Verwandtschaften in der Symptomatologie finden(z.B. von Pflanzenfamilien), ist es durchaus legitim und besonders hilfreich, diese wahrzunehmen. Wenn sich dann noch Gesetzmäßigkeiten feststellen lassen, die es ermöglichen, effektive Mittel zu verschreiben oder Symptome vorhersagen zu können, ist sogar ein wichtiger Erkenntnisschrift gemacht. Die Gefahr von oberflächlicher Deutung im Bereich der Signatur ist sehr wohl gegeben und nicht zu unterschätzen. Aber gerade Sankaran ist penibel darauf bedacht, keine leichtsinnigen Deutungen ins Spiel zu bringen. Es handelt sich bei ihm um Abstraktionen und Interpolationen, welche bei einem wissenschaftlichen Vorgehen absolut notwendig sind.
Die Bedeutung der natürlichen Verwandtschafen der Ausgangsstoffe (Naturreiche) für die Homöopathie wird sehr kontrovers diskutiert. In der "genuinen" Homöopathie hält man davon gar nichts, da die Begründer der Homöopathie diesen Punkt überhaupt nicht beachteten, obwohl es doch in der Medizingeschichte durchgehend und schon sehr früh wichtige Verfechter der Signaturenlehre gab – ganz voran Paracelsus. Aber auch Hippokrates verwendete dieses Konzept.
Sicherlich war auch Hahnemann dieser Gedanke bekannt. Vermutlich vermied er es aber, die Signaturenlehre ins Spiel zu bringen, da die Homöopathie sich als Wissenschaft rein auf Erfahrung gründen sollte. Nur an einer Stelle in der Beschreibung von Ignatia blitzt dieser Gedanke kurz auf.
" So viel Aehnlichkeit man aber auch in ihren positiven Wirkungen mit denen des Krähenaug-Samens wahrnimmt (was allerdings auf eine botanische Verwandtschaft beider Gewächse hindeutet), so findet doch beim Gebrauche beider eine große Verschiedenheit statt, da schon der Gemüthszustand der Kranken, wo Ignazsamen dienlich ist, sehr von demjenigen abweicht, wo Krähenaugsamen paßt." [RA 2, S. 141]
Dieses Zitat wird von Sankaran seiner aktuellen Veröffentlichung als Beleg für Hahnemanns Berücksichtigung der Pflanzenfamilien vorangestellt. Hahnemann beobachtete, dass einige Symptomübereinstimmungen (die "positiven", was so viel heißt, wie "direkten, chemisch-toxischen Symptome)wohl auf Grund der botanischen Verwandtschaft bestehen. Dies bleibt bei Hahnemann aber eine Randbemerkung. Bei Hering findet man dagegen deutlichere Standpunkte:
Alle Mittel, welche hinsichtlich ihres Herkommens nahe verwandt sind, müssen es auch sein hinsichtlich der Zeichen; alle Mittel, welche in chemischer Hinsicht sich ähnlich sind, ebenfalls. Ähnlichriechende, wie Phosph. - Ars. - All. sat. - Asa foet. -- Bufo. müssen Ähnlichkeit haben, in den Zeichen u. s. f.
Die chemischen Präparate kann man sich nach dem einen oder andern Systeme in natürliche Familien bringen, und darnach die Verwandten vergleichen z. B. Sulph. und Phosph. - Chlor und Jod. - Carbones und Graph. - Die Sauerstoffsäuren Nitr. ac., Sulph. ac. und Phos. ac. unter sich und mit den Wasserstoffsäuren Mur. ac., Cyan. ac. Ferner Sil. und Alum.; die kohlensauren Kal., Natr. und Am., - Bar. und Stront., - Calc. und Magn.; die salzsauren Natr. und Am., - Bar. und Magn. - Die essigsauren Metalle Cupr., Ferr., Plumb., Mang.; die metallischen Aur., Plat., Stann., Arg. und Zinc. Interessante Vergleichungen sind Phos. ac. und Phos. - Sulph. ac. und Sulph. ebenso Sulph., und Hep. - Hep. und Calc. Wegen des weiteren vergleiche Archiv XIII, 2. Seite 37.
Aus dem Pflanzenreiche ließen sich als nahe Verwandte vergleichen: Anac. und Rhs. - Bryon. und Coloc. - Ind. und Tongo. - Op. und Chelid. - Spig. und Menyanth. - Viol. od. und Jac. - Thuj. und Sabin. - Coff., Ipec., Chin. - Colch., Veratr. und Sabad. - Euphr., Dig. und Grat. - Lauroc., Prun. sp., Amygd. am. - Led., Rhod., Nux vomica, Ign. Oleand. - Arn., Cham., Cin, Leont. - Asa, Cic., Con., Aeth., Phell. - Bell., Caps., Hyosc., Stram., Tab., Verb. - Acon, Clem., Hell., Puls., Staph., Ranunc. bulb. und scel. - Die Kryptogamen: Agar musc., Bov., Lycop. stehen allzu weit auseinander, doch sind sich die Zeichen ähnlicher, als die der näher verwandten Solaneen und Ranunculaceen. Sec. kann nur nach den Heilungen beurteilt werden; die aus Epidemien genommenen Zeichen sind sämtlich unsicher.
Es ist merkwürdig, daß die Unterschiede der nach Herkommen Verwandten sich vorzugsweise in Bedingungen finden, dagegen die nur zeichen-verwandten bloß in einzelnen Zeichengebieten übereinstimmen, außer diesen aber sich nach ganz verschiedenen Richtungen hin gleichsam in verschiedenen Gegenden ausbreiten.
Familien aus nur zeichenverwandten Mitteln kann man sich bilden aus solchen Mitteln, welche besonders gut nach einander folgen, oder oft als Antidote unter einander dienten. Bei den jetzigen Vorarbeiten ist das Bilden solcher Familien nur ein gewagter Versuch, doch sind sie weit wichtiger für die Praxis, als die nach der natürlichen Verwandtschaft gebildeten. Wenn jene, die nach Herkommen verwandt sind, auch viele ähnliche Zeichen erregen, so versteht sich dies von selbst; wir haben hauptsächlich die Unterschiede aufzusuchen, um den Verwechslungen vorzubeugen. Wenn aber weit entfernt stehende Mineralien, Pflanzen, Tiere sehr ähnliche Zeichengruppen erregen, so muß dies einen tiefer liegenden Grund haben, und der Ähnlichkeit der Arzneikrankheiten mit den natürlichen Krankheiten entsprechen. Daher sind im Allgemeinen solche Verwandte auch die besten Antidote. ...
Es ist schon interessant zu sehen, wie sehr Hering auf die Bedeutung der natürlichen Verwandtschaften neugierig war. Sehr interessant ist seine Beobachtung, dass natürlich verwandte Mittel im Bereich der Modalitäten übereinstimmen. Die Modalitäten sind die Gegenseite der Empfindungen. Hier war Hering scheinbar seiner Zeit weit voraus, denn erst jetzt mit den Konzepten Sankarans wird der tiefere Hintergrund dessen verständlich.

Die Quelle (Der Ausgangsstoff der Arznei) und die Ebenen des Erlebens
Die letzte und am weitesten reichende Entdeckung Sankarans, war die Unterscheidung der Ebenen des Erlebens (levels of experience) In diesen beschreibt er, dass Menschen mehr oder weniger global wahrnehmen, dass sie sehr spezifisch konkret unterscheidend und sehr assoziativ gelockert ganzheitlich wahrnehmen können und dass zwischen diesen Ebenen Bewusstseinsschwellen bestehen, wie man es z.B. bei der Unterscheidung von Traum- und Wachbewusstsein kennt.
1. Ebene: Es gibt es nichts Subjektives - es zählt nur der Name einer Wahrnehmung
2. Ebene: Es werden Details von Fakten beschrieben und erlebt
3. Ebene: Es werden Emotionen beschrieben. Es handelt sich um Wahrnehmungen, die den ganzen Menschen - die individuelle Person betreffen
4. Ebene: Es werden Geschichten, Situationen „als ob“ beschrieben. Das Material stammt wie viele Trauminhalte aus dem kollektiv menschlichem Unbewußten
5. Ebene: Es werden sehr globale „naturhafte“ Empfindungen beschrieben, welche über die menschlichen Kategorien hinausgehen (z.G. zusammendrückend, zerstreut etc.). Auf dieser Ebene gibt es direkte Entsprechungen zum Naturstoff (Quelle) selbst. Patienten, die aus dieser Erlebensebene heraus beschreiben, haben Kontakt zu ihrem eigenen Heilmittel.
6. Ebene: Energie - hier finden sich Gesten, Bewegungsmuster, Töne, Geräusche, Farben
7. Ebene: „no name“
Die Entdeckung der 5. Erlebensebene und der Möglichkeit, ohne Umwege über quellennahe Wahrnehmungen des Patienten zu einem tiefen Heilmittel zu kommen, haben der Homöopathie eine umwälzende neue Dimension eröffnet. Dieser Weg hängt sehr davon ab, wie Patient und Homöopath es gemeinsam schaffen, diese sehr unbewussten Realitäten des Wesens der Krankheit frei zu legen. Es sprengt den aktuellen Artikel, das weiter darzulegen. Es gibt viele Gelegenheiten in Seminaren mit Live-Videos, sich einen eigenen Eindruck von diesem neuen faszinierenden Weg zu verschaffen. Er ist allerdings in längst nicht allen Fällen gangbar, ist aber als „Königsweg“ zu einem neuen Ideal der Mittelfindung geworden.
Dieser methodische Zugang verlangt vom Behandler ein tiefes Kennen und Verstehen der „naturhaften“ Empfindungsebene auch aus eigenem Erleben und muss immer ohne Widerspruch zu den Ergebnissen der anderen methodischen Zugänge sein. D.h. eine endgültige Entscheidung über ein Mittel muss immer alle Ebenen des Erlebens berücksichtigen. Konkrete Fakten (Einzelsymptome und Modalitäten) sowie Emotionen und Wahnideen müssen mühelos zum „naturhaften“ Erleben passen. Naturreich und Miasma sollten hinzugezogen werden, um Erkenntnisse zum Mittel aus der Quellensprache abzusichern. Die reine Berücksichtigung der quellennahen Symptome kann leicht zu einer irrtümlichen Zuordnung und Verschreibung führen.

Synergy – die Einheit der Klassischen Homöopathie
In den letzten Jahren betont Sankaran die Gleichwertigkeit der verschiedenen methodischen Ansätze. Klassische Methoden wie konkreter Materia Medica Vergleich, Keynotes, Repertorisation sei es mit Kent, Bönninghausen oder Boger haben die gleiche Bedeutung wie neuere Zugänge. Man dürfe die Vorzüge und besonderen Stärken dieser alten und empirisch sehr verlässlichen Methoden nicht vergessen. Es gehe darum auch in den Methoden zu individualisieren. Jeder Patient biete mit seiner Erlebensebene, mit den von ihm präsentierten Symptomen verschiedene Möglichkeiten der methodischen Annäherung an sein Heilmittel an. Sich auf eine Methode zu versteifen führe zum Versagen bei den Patientengruppen, auf die diese Methode nicht passt. Er fordert und lehrt größtmögliche Flexibilität des Denkens und Vorgehens. Ein Meister des Faches kann mit seinen Werkzeugen jonglieren und spielen - er nimmt, was der Fall jeweils fordert, denn höchstes Ziel ist es ja, „kranke Menschen gesund zu machen“.
Hiermit bindet er die neuen methodischen Instrumente in das Orchester der Klassischen Homöopathie ein und stellt damit heraus, dass die neuen Vorgehensweisen nur im Zusammenspiel mit den bewährten Grundlagen funktionieren können.

Schlussbemerkungen
Jede anfängliche Euphorie angesichts einer bahnbrechenden Neuerung mündet irgendwann in die Erkenntnis, dass man sich weiterhin alles erarbeiten muss, dass es weiterhin leichtere und schwierigere Fälle gibt. Auch diese neuen Konzepte werden in Zukunft Präzisierungen und Abwandlungen erfahren. Sicherlich sind noch viele falsche Zuordnungen und Schlussfolgerungen enthalten. Sankaran bittet deshalb jeden, die Erkenntnisse selbst zu überprüfen und davon zu berichten. Die anstehende Arbeit kann nicht von einer Einzelperson geleistet werden. Die bisherigen Ergebnisse sind jedoch Grund für große Hoffnung. Sankaran selbst glaubt die Homöopathie gegenwärtig noch in ihren Kinderschuhen. Das Potential scheint noch lange nicht ausgeschöpft zu sein.
Die neuen Ansätze sind keine Wundermedizin, aber ein großer Schritt zum tieferen Verständnis und zur erfolgreichen Anwendung zum Nutzen der Patienten.
Das Wunder der Heilung wird wohl nie vollständig enthüllt. Es bleibt letztlich ein geheimnisvolles Faszinosum – und das ist auch gut so.
Die neuen Sichtweisen und Techniken und die damit gemachten Erfahrungen verändern das Menschenbild. Die anthropozentrische Verengung des Blickwinkels macht einer geweiteten Wahrnehmung des Menschen Platz. Hier wird deutlich, wie tief er in die nichtmenschliche Natur allen Lebens eingebettet ist. Dies macht verständlich, warum Naturmittel (auch potenzierte) eine so tiefe und wesentliche Wirkung auf den Menschen haben können. Auch für einen Nichthomöopathen werfen diese Erkenntnisse und Erfahrungen ein neues Licht auf die "Dimensionen des Menschen". Insbesondere die Beschreibung der sieben Erfahrungsebenen kann für viele andere therapeutische Richtungen interessant sein.
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