WISH D/A/CH



World Institute for Sensation Homeopathy

Die Empfindung der Subklassen*

Vom 18.-20. Oktober 2019 fand in München-Harlaching das jährliche Seminar mit Rajan Sankaran statt. In diesem Jahr waren auch viele Mitglieder der internationalen WISH-Gruppe angereist und schon aus der Seminarankündigung ging hervor, dass es an diesem Herbstwochenende um die Vorstellung neuer Erkenntnisse innerhalb der Empfindungsmethode gehen würde.

Zu Beginn dankte Sankaran insbesondere Michal Yakir und Mahesh Gandhi, für ihre Pionierarbeiten im tieferen Verständnis der botanischen Subklassen innerhalb Cronquist’s Systematik der Bedecktsamer (Angiospermen oder Blütenpflanzen).


Während Yakir und Gandhi in ihrer Arbeit die persönlichen Entwicklungsstadien (PEM, Evolution) berücksichtigen, geht es Sankaran darum, die charakteristischen Reaktionsmuster innerhalb der Subklassen zu definieren. Hatte Sankaran bisher lediglich die Empfindungen einzelner Pflanzenfamilien und Pflanzenordnungen in seinem Schema definiert, schliesst sich mit der Definition der generellen Reaktionsmuster innerhalb der Subklassen eine wichtige Lücke.

Das Koordinatensystem
Gleich zu Beginn stellte Sankaran heraus, wie hilfreich und wichtig es ist, das System zu vervollständigen um das bestmögliche Arzneimittel für den Patienten bestimmen zu können. Das systematische Verständnis der Materia medica kann dann ähnlich einem Navigationssystem helfen, um z.B. ein bestimmtes Haus auf der Weltkarte zu finden. Um es zu finden, hilft es nicht unbedingt, wenn uns nur bekannt ist, dass dieses Haus z.B. eine grüne Fassade mit roten Streifen besitzt. Um ein spezielles Haus zu finden, braucht es ein systematische Herangehensweise, wie bei einem Koordinatensystem:


Koordinaten



Dieses systematisches Koordinatensystem lässt sich auch auf die Materia medica anwenden, hier am Beispiel von Sanguinaria canadensis:

koordinatensystem

Imaginationen
Um leichter zur Ebene der Vitalempfindung zu gelangen, lässt Sankaran seine Patienten Bilder aus einem von ihm zusammengestellten Fotokalender betrachten. Die Bilder mit den unterschiedlichsten Motiven, helfen die „Reise ins Selbst“ zu eröffnen um somit rascher zur Ebene der Empfindung zu gelangen. Eine solche Imaginationsübung hilft auch, den Patienten von seinen persönlichen Lebensgeschichten wegzuführen und das Nicht-Menschliche-Muster in ihm freizulegen.

WISE Process (Witnessing the Inner Song Experience)
Eng verflochten mit dieser Imaginationsübung ist Sankaran’s „WISE process“. Auch dieser hilft die menschlichen Emotionen während der Fallaufnahme zu umgehen und besser zu den Vitalempfindungen vorzudringen.
Witnessing - aus der Distanz beobachten, ohne zu beurteilen, ohne Erwartung.
Inner - das ganz Drama ist im Innen, nicht im Aussen.
Song - da gibt es ein Muster, eine Melodie, die in uns spielt, in all den verschiedenen Situationen. 
Experience - dieses Muster ist eine Erfahrung, nicht nur ein Gedanke oder eine Emotion.

Die linke und rechte Gehirnhälfte vernetzen
Um den Patienten in seiner Tiefe zu erfassen zu können, ist es hilfreich die Qualitäten beider Gehirnhälften einzusetzen und diese miteinander zu verknüpfen. So kommen logisch-analytische Denkprozesse (sie entspringen der linken Gehirnhälfte) zum Einsatz um beispielsweise die Fakten, Modalitäten des Patienten zu erfassen. Die im Text beschriebenen kreativ-intuitiven bildhaften Ansätze führen uns dann zu den tieferen Schichten des Bewusstseins. Hierbei ist die rechte Gehirnhälfte aktiv. Wie im Beispiel des Koordinatensystems bereits beschrieben, liegt die Kunst darin, beide Seiten zu vernetzen.

Allgemeines zu den 6 Subklassen
- Die zentralen Empfindungen einer Subklasse setzen sich zusammen aus einer Kombination der gemeinsamen Themen verschiedener Pflanzenordnungen innerhalb derselben Subklasse. Die Subklasse wird geprägt durch die Qualität aller in ihr enthaltenen Pflanzenordnungen.
- Es ist leichter erst die Subklasse zu studieren und erst danach die Pflanzenordnungen.
- Tritt ein bestimmtes Merkmal aus dieser Kombination von Merkmalen stärker hervor, weist dieses auf die entsprechende Pflanzenordnung hin.
- Es ist wichtig, nicht auf eine bestimmte Pflanzenfamilie zu schauen, sondern weiter zu schauen, auf die Pflanzenordnungen und schliesslich auf die Subklassen.
- Ordnung und Subklassen geben und nehmen voneinander.
- Was zur Subklasse gehört, gehört auch zur Ordnung.
- Was zur Ordnung gehört, gehört auch zur Subklasse


Anpassungsreaktionen führen zur entsprechenden Subklasse
In der Fallaufnahme geht es darum, die typische Anpassungsreaktion zu erkennen. Wenn mich z.B. ein Hund angreift und ich dann nach Hause gehe und die Tür schließe, dann spricht dieses Anpassungsmuster für eine Pflanze aus der 4. Subklasse, Dilleniidae.

1. Subklasse: Magnoliidae
Ich muss in meiner sicheren Zone bleiben (Symbol: Meditation).
2. Subklasse: Hamamelididae
Ich muss in meiner Sicherheitszone bleiben, möchte aber nach Draussen schauen (Symbol: Fenster).
3. Subklasse: Caryophyllidae
Ich muss mich in Grenzen halten, ich möchte mich erweitern, meine Flügel ausbreiten (Symbol: Schwamm).
4. Subklasse: Dilleniidae
Ich will Stabilität, aber ich will mich auch herauswagen (Symbol: Tür).
5. Subklasse: Rosidae
Ich will hinaus, mich hinausbewegen. Es ist zu eng im Inneren (Symbol: Falle).
6. Subklasse: Asteridae
Ich bin in Gefahr, ich muss kämpfen oder fliehen um zu entkommen (Symbol: Tiger).

Diese Art von Anpassungsreaktionen sollten auf der tiefsten Ebene beobachtbar sein.


Nach und nach hat Sankaran an diesem lehrreichen Wochenende die Empfindungen aller 6 Subklassen innerhalb der Zweikeimblättrigen vorgestellt und jeweils mit gut nachvollziehbaren Fallbeispielen unterbaut. Es würde in dieser Zusammenfassung zu weit führen, alle Subklassen detailliert vorzustellen. Exemplarisch beschränke ich daher im nachfolgenden Teil auf die Darstellung der Themen der 4. und 6. Subklasse.

Die 4. Subklasse, Dilleniidae
Im nun folgenden praktischen Seminarteil, beschreibt Sankaran sein Verständnis der einzelnen Subklassen. Am Beispiel der 4. Subklasse, den Dilleniidae, stellt er heraus, dass es einfacher ist, zuerst die Subklasse und dann die Pflanzenordnungen/-familien zu studieren.
Vergleicht man die Familien und Ordnungen innerhalb der 4. Subklasse, so zeigt sich, dass sich die typischen Muster der Violales auch bei den anderen Pflanzen innerhalb derselben Subklasse finden lassen. Cyclamen aus der Familie der Primelgewächse (Primulaceae) und Bryonia aus der Familie der Kürbisgewächse (Cucurbitaceae), haben beispielsweise beide die Abneigung das Haus zu verlassen. Bryonia gehört zur Ordnung Violales, von ihr kennen wir sehr gut das Gefühl „weg von zu Hause“ zu sein. Sie fühlen sich sie wie an einem fremden Ort und wollen nach Hause gehen. Untersucht man die 4. Subklasse näher, so lässt sich die zentrale Thematik der Violales auch bei den anderen Ordnungen innerhalb derselben Subklasse beobachten. Jede Subklasse enthält eine dominante Arznei, in deren Arzneimittel sich stellvertretend die zentrale Thematik der Subklasse widerspiegelt. Für die 4. Subklasse ist das die Zaunrübe, Bryonia alba.

Polaritäten der 4. Subklasse
Die Pflanzen der Dilleniidae wollen nach Hause gehen, das ist ihr Ort des Komforts und der Sicherheit. Doch das ist nur die eine Seite. Manchmal wirkt diese Komfortposition stagnierend, monoton. Wie ein stehendes Gewässer, da ist kein Wachstum, keine Bewegung, es wird dann wie eine Barriere/Blockade erlebt. So kommt irgendwann eine Phase, in der sie die Barriere passieren und das Haus verlassen wollen.
Die Tür
Als ein charakteristisches Symbol der Dilleniidae steht die Tür. Durch die Tür geht man von Innen nach Außen. Durch sie verlässt man einen Ort der Ruhe und Bequemlichkeit.
Innerhalb des Raumes (Hauses) gibt es ein Gefühl der Verbundenheit, ein Bedürfnis nach Liebe, Fürsorge und Zuneigung.
Der Wechsel
Irgendwann wollen sie diesen Ort wechseln und es gibt das Bedürfnis nach Veränderung.
So will z.B. Brassica (Ordnung Capparales) der Monotonie entkommen, Ledum (Ericales) träumt von wechselnden Orten. Bryonia und Salix fragilis (Salicales) tragen ebenfalls diese Polarität in sich und haben den Wunsch nach Veränderung.


Schlüsselwörter der 4. Subklasse, Dilleniidae
Haus - Komfort - Gemütlichkeit - Barriere - Rein und raus - Muss die Barriere überwinden - Gestört - Will sich ausruhen - Die gleiche Position beibehalten wollen - Will im Haus bleiben , oder das Gegenteil: will das Haus verlassen - Rauskommen.
Empfindungen: Abneigung gegen Veränderung oder Verlangen nach Veränderung
Wahrnehmung: Trost, Hindernis
Träume, Ängste: Stabilitätsverlust, Genuss, Komfort, nicht gestört werden.
Symbol: Resort
Worte: Gestört - Routine - Gleich - Zuhause - Stabilität - Hindernis - Hindernis überwinden
Tier: Faultier (Faulheit), bewegt sich nicht, gleiche Position bewahren.
Miasma: Sykose, in der gleichen Stellung verharren.

Die 6. Subklasse, Asteridae
In der 6. Subklasse Unerwarteter Angriff, Verletzung, plötzlicher, großer, gewalttätiger Angriff sind bekannte Themen welche wir in erster Linie von den Korbblütlern (Asterales) und den Nachtschattengewächsen (Solanales) kennen. Doch trifft dies auch für Arzneien wie z.B. die Chinarinde (Rubiales) zu, die wir ebenfalls in der 6. Subklasse finden? Lassen sich hier auch Gewaltthemen finden? Gibt es bei den Rötegewächsen ebenfalls die Themen von Angriff und Verletzung?
Ein Blick ins Repertorium und die Materia medica bestätigt, dass es auch bei den Rötegewächsen um Angriff und die Angst, dass etwas passieren könnte, geht.
China hat so viele Ähnlichkeiten zu Stramonium! Die Familie der Rubiaceae haben auch diese Angst und Panik, wie wir sie sonst typischerweise bei den Solanaceae finden.
Dasselbe gilt für die Lamiaceae aus der sechsten Subklasse. Hier finden wir auch ähnliche Themen wie Unfälle, Bomben, Terror, Gefahr, Waffen und Tod, wie beispielsweise in der Prüfung von Ocimum sanctum* (Holy Basil).
Neben der Gewalt, ist die Sexualität ein großes Themen der 6. Subklasse. Das gilt nicht nur für die Lamiaceae (z.B. Origanum), sondern auch bei China und Digitalis (Scrophulariaceae) lassen sich diese Themen finden. Sie zeigen Themen von Schreck, Angst vor dem Tod, Panik, Gewalt, Vehemenz und Gefahr. Themen der einzelnen Pflanzenordnungen und Subklasse ziehen sich durch: Trennung und Gefahr, beides ist hier miteinander verbunden. Traumatische Scheidung, Trennung als ein großes Trauma, all das sind die Themen der 6. Subklasse. Rubiales: Stimulation, schnelles Handeln, doch das alles steht im Zeichen von Angst und Schrecken. Wenn ein Patient Coffea braucht, dann sollten sich auch Panik, Schreck, Flucht und andere Merkmale der Subklasse irgendwo im Fall zeigen.
Das typische Arzneimittel der Asteridae ist Stramonium.

Gemeinsame Merkmale der Asteridae: plötzlicher, heftiger Schlag - Gewalttätigkeit - Zorn, Raserei - Konvulsion - Verletzung - Schlag - Schock - Angriff - Angst, Terror - Flucht - Rennen, Verstecken - Wachsam - Schnell - Hochgefühl - Impulsiv - Schamlos.
Empfindung: wie gelähmt - gewalttätig - fliehen.
Miasma: Syphilis, die Katastrophe droht.

Ein erster Entwurf aller Themen wurde beim Seminar in tabellarischer Forum ausgeteilt, mit dem ausdrücklichen Hinweis, dass es sich um „work in progress“ handelt. Eine offizielle Druckversion der neuen Tabelle wird hoffentlich schon bald für alle verfügbar sein.

Sub- und Superklassen
Sankaran hat beobachtet, dass die Anpassungsreaktionen der 6 Subklassen, sich auch im Tier- und Mineralreich wiederfinden lassen. Hierfür verwendet er den Begriff der Superklasse. So finden wir z.B. bei den Mollusken ähnliche Themen von Rückzug und Verschliessen, wie bei den Pflanzen innerhalb der 1. Subklasse (Mognolidae). Spinnen und Reptilien (plötzlicher Angriff, tödlich) ähneln mit ihren Themen der 6. Subklasse (Asteridae).

Schlussbetrachtung
Durch das Seminar fühle ich mich persönlich bereichert. Denn mit der Bestimmung der charakteristischen Reaktionsmuster innerhalb der 6 Subklassen, hat Rajan Sankaran das systematische Verständnis der Materia medica wieder ein grosses Stück vorangebracht. So lassen sich auf dieser Basis Familien, Ordnungen, Subklassen und Naturreiche noch besser verstehen und erkennen. Nun ist es an uns, diese Arbeit auszubauen und am Patienten zu vertiefen.


Jürgen Weiland
Bonner Talweg 215
53129 Bonn
www.juergen-weiland.de

* Rajan Sankaran, The Proving of Ocimum sanctum, 1994 (Quelle: Reference Works, Synergy Homeopathic Software)
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