WISH D/A/CH



World Institute for Sensation Homeopathy

ONE WISH-Konferenz 2021 "Kunst und Technik der Empfindungsmethode"

Kunst und Technik der Empfindungsmethode



6. Internationaler WISH-Kongress (ONE WISH)
Bericht von Jürgen Hansel


Seit 2012 treffen sich Mitglieder und Dozenten des World Institute for Sensation Homeopathy (WISH) regelmäßig zu internationalen Kongressen, um sich über neue Entwicklungen in der Praxis der Empfindungsmethode auszutauschen und interessierte KollegInnen darüber zu informieren. Weil ein für dieses Jahr geplantes großes Meeting in Berlin wegen der Pandemie abgesagt werden musste, versammelte man sich vom 7. bis 11. Mai im virtuellen Hörsaal zur ersten Online-Konferenz mit dem Titel ONE WISH. Der derzeitige WISH-Präsident Jürgen Weiland nutzte die große internationale Reichweite des Online-Formats mit 200 Teilnehmern aus 24 Ländern dazu, Entwicklung und aktuellen Stand der Empfindungsmethode mit einem besonderen Konzept zu präsentieren. Im Gespräch mit Weiland berichteten neun der wichtigsten Protagonisten dieser Methode zunächst über ihren Werdegang und über die Bedeutung der Ebene des tiefen Erlebens in ihrer Praxis, um dann an Fallbeispielen ihre persönliche Arbeitsweise und besondere eigene Akzente in der Anwendung der Methode zu präsentieren.

Kunstformen der Anamnese: Im Zentrum der Methode steht die Ebene der Vitalempfindung, auf der sich die Arzneisubstanz unmittelbar in Wortwahl und Gestik und in einer universalen Form ausdrückt, die nicht spezifisch für das menschliche Dasein ist. Um mit PatientInnen auf diese tiefe Ebene zu gelangen, bedarf es einer speziellen Gesprächstechnik, oder besser einer Kunst der Anamnese, wie Anne Schadde in ihrem Einführungsvortrag hervorhob. Nach ihrer Erfahrung sind neben Wissen und Geschick vor allem Fantasie, Inspiration und Intuition nötig, um die Vitalempfindung als roten Faden im Leben eines Menschen aufzuspüren und die passende Arznei darin zu erkennen. Diesen subtilen Prozess, der zunächst auch durchaus über Fehlverschreibungen führen kann, beschrieb sie an einer Patientin mit Burnout, die schließlich durch die wenig bekannte Arznei Menyanthes geheilt werden konnte. Schadde fand für dieses Mittel die Vitalempfindung der „gespannten Feder“. Aufgrund eigener Verreibungserfahrungen mit Enziangewächsen konnte sie den Fieberklee in den Kontext der Gentianaceae stellen und mit „Kontraktion, Zusammenschnürung, Krampf und Spannung“ eine Hypothese für die Vitalempfindung dieser Arzneifamilie formulieren.


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Foto: Menyanthes trifoliata, Copyright Jürgen Weiland.


Imagination und die Kraft der Bilder: Die Kunst, in der Anamnese die Vitalempfindung ins Bewusstsein zu heben, zog sich als roter Faden durch die meisten Vorträge dieses Webinars, und es war spannend, den persönlichen Zugang jedes einzelnen Dozenten zu diesem zentralen Thema der Empfindungsmethode kennenzulernen. Ein Vergleich der verschiedenen Wege hin zur tiefen Ebene des Erlebens untermauert die von Jayesh Shah geäußerte Erkenntnis: „Imagination ist das Sprungbrett zur Empfindung“. Seit Jahren begibt sich der indische Homöopath mit seinen PatientInnen auf Reisen in deren innere Bilderwelten, ein Prozess, der oftmals zur Wahl des Simile führt, der aber auch an sich sehr heilsam sein kann, ohne die Gabe eines homöopathischen Mittels. Diesen für seine Arbeitsweise typischen Prozess illustrierte Jayesh Shah am Beispiel eines zornigen Jungen, der die Geschichte von zwei Menschen im Rahmen einer Täter-Opfer Beziehung imaginiert. Die heilende Wirkung des Prozesses wurde in diesem Fall durch die Arznei Nux vomica ergänzt.
Auch Mike Keszler hat in seiner Praxis gelernt, auf den positiven Effekt innerer Bilder zu vertrauen. In seiner Kasuistik visualisiert ein von höllischen Schmerzen geplagter Mann einen Wolf, der sich in seine Schulter verbissen hat. Als er während des Imaginations-Prozesses den Widerstand gegen den Angriff aufgibt und selbst wie Wasser wird, schmelzen die Schmerzen weg. Dadurch gewinnt der Patient Vertrauen in seine Lebenskraft und die Heilung setzt ein, lange bevor er Lac asinum als Simile erhält. Bei Dinesh Chauhan ist die Arbeit mit Bildern ein fester Bestandteil seiner persönlichen Kunst der Anamnese, die er als intuitiven Case Witnessing Process bezeichnet. Dabei spielt für ihn die rechte Gehirnhälfte mit ihrer ganzheitlichen Wahrnehmung eine maßgebliche Rolle. Je nach Neigungen und Fähigkeiten lässt er seine PatientInnen ihre inneren Bilder zeichnen oder in Kurzgeschichten ausdrücken. Nach seiner Erfahrung ist es allein schon heilsam, wenn er die Muster in den Bildern und Geschichten verstehen und spiegeln kann. Einer seiner Patienten erlebte das so, „dass meine Schwäche in Stärke umgewandelt wird“. Der Umwandlungsprozess wurde in diesem Fall durch die Arznei Radium bromatum unterstützt.

WISE-Prozess: Der Begriff „witnessing“ im Sinne von „vorurteilslos beobachten“ begegnet uns auch bei Rajan Sankaran in dem vielsagenden Akronym WISE. Der als „Witnessing the Inner Song Experience“ bezeichnete Prozess arbeitet primär nicht mit inneren sondern mit bestimmten äußeren Bildern, die den PatientInnen vorgelegt werden. Deren innerer Zustand offenbart sich dann in dem subjektiven Erleben der Bilder und der individuellen Reaktion darauf. Anhand eines Fallbeispiels zur Anwendung des WISE-Prozesses präsentierte Rajan Sankaran gleichzeitig seine kürzlich neu in die Empfindungsmethode eingeführte Systematik der botanischen Subklassen. Die innere Erfahrung der Patientin im WISE-Prozess führte dabei zur 1. Subklasse der Magnoliidae und zur Ordnung der Magnoliales. Für den letzten Schritt zur Arznei Nux moschata spielten dann Keynotes und Repertorium eine wesentliche Rolle.
Auch Andreas Holling nutzt den WISE-Prozess in seiner Praxis. Aus einem Stapel mit Bildkarten lässt er seine PatientInnen jeweils zwei Bilder auswählen, die eine starke positive Resonanz in ihnen auslösen, und zwei Bilder mit einer starken negativen Resonanz. Seine Kasuistik zu Plumbum machte deutlich, wie die bei der Betrachtung der Bilder geäußerten Gefühle die homöopathische Anamnese ergänzen und abrunden können. Ähnlich wie Rajan Sankaran verknüpfte auch Holling in seiner Präsentation die beiden thematischen Schwerpunkte dieses Webinars. Denn neben der besonderen Kunst einer auf das tiefe Erleben ausgerichteten Anamnese ging es an den fünf Tagen vor allem auch um die Systematik der Empfindungsmethode. Mit seinem Dimensionen-Modell des Periodensystems hat Holling dazu einen ganz eigenen Beitrag geleistet und der Plumbum-Fall diente als Beispiel, dieses Modell einem breiten Publikum zu erläutern.

Evolution und Individuation: Mahesh Gandhi arbeitet seit Jahren intensiv an der Integration der Sensation Homöopathie in eine Systematik der Materia medica, die sich an der Evolution in der Natur und an der Individuation des Menschen orientiert. Ausgehend von Jan Scholtens Verständnis des Periodensystems der Elemente und Michal Yakirs Gliederung der Entwicklungsebenen für das Pflanzenreich hat Gandhi mit seinem Personal Evolution Model (PEM) ein vergleichbares Schema für das Tierreich vorgelegt. Damit steht jetzt eine einheitliche Systematik für die Arzneien aller Naturreiche zur Verfügung. An einem schweren psychiatrischen Fall konnte er eindrucksvoll die verschiedenen Entwicklungsstufen demonstrieren, die in seinem Modell der Altersgruppe 0–12 Jahre bei Milchmitteln entsprechen. Die Arznei Lac ovinum bewirkte eine nachhaltige Heilung der psychotischen Patientin.
Annette Sneevliet, Schülerin von Mahesh Gandhi, hatte eine Sammlung von Fällen zusammengestellt, deren mineralische, pflanzliche und tierische Arzneien alle der gleichen Entwicklungsstufe des PEM, nämlich dem intrauterinen Stadium (Womb stage) von Gandhis Tabelle des Tierreichs entsprechen. Deutlich konnte man bei allen PatientInnen die Themen des Cocons wie Rückzug in eine geschützte Hülle und Polarität von Druck, Enge und Freiheit, Weite erkennen. Je nach Naturrreich wurde die Arzneiwahl durch die Zuordnung zum fötalen Stadium auf eine überschaubare Gruppe eingeschränkt: bei den Mineralien auf Beryllium, Boron und Kohlenstoff in der 2. Reihe des Periodensystems, bei den einkeimblättrigen Blühpflanzen auf die Palmen und bei den zweikeimblättrigen auf die Hamamelididae in der 2. botanischen Subklasse, bei den wirbellosen Tieren auf die Mollusken und bei den Wirbeltieren auf die Amphibien, die im PEM alle jeweils der fötalen Stufe zugeordnet sind. So demonstrierte die holländische Ärztin pars pro toto am Beispiel eines Stadiums, wie nützlich sich die einheitliche Evolutions-Systematik in der Praxis erweisen und wie ihre Anwendung auch zu weniger bekannten Arzneimitteln wie Cocos nucifera, Ficus religiosa oder Venus mercenaria führen kann. Auch wenn man bei der Fallaufnahme nicht bis auf die Empfindungsebene kommt, ist – so Sneevliet – die Eingrenzung auf eine menschliche Entwicklungsstufe möglich. Eine klare Vitalempfindung gibt jedoch größere Sicherheit in der Verordnung.

Vielfalt der Methoden und Lösungsstrategien: Bereits beim ersten WISH-Kongress in Freiburg hatte Rajan Sankaran das Prinzip der Synergie unterschiedlicher Methoden betont und damit die Empfindungsmethode in den Kontext der klassischen Homöopathie gestellt. Sein Schüler Paresh Vasani demonstrierte in seinem Schlussvortrag den synergetischen Ansatz noch einmal an einer Kasuistik zu Lac defloratum und wies dabei besonders auf die Möglichkeiten des Einsatzes moderner Software hin. Während für manche Kollegen von den zahlreichen unterschiedlichen Ansätzen in der Homöopathie die Gefahr der Verwirrung und Beliebigkeit ausgeht, sieht Jayesh Shah in ihnen eine große Chance. „Vielfältige Probleme fordern vielfältige Lösungsstrategien“, so sein Credo, und er forderte: „Verlasst Euch nicht auf eine einzige Methode. Steckt Eure Arzneimittel nicht in eine Schublade, sonst verlieren sie ihr Leben. Eine Materia medica aus Schubladen wird starr und eingefroren. Arzneimittel sind sehr dynamisch und haben viele Facetten.“ Shah beschrieb, wie er gerade in der Behandlung von Corona-Patienten viele neue Seiten von vertrauten Arzneimitteln kennengelernt hat, gerade im Bereich der körperlichen Symptomatik. Nicht nur bei Shah wurden die Erfahrungen mit der Pandemie im Laufe der Konferenz immer wieder thematisiert, in Fallbeispielen, in philosophischen und weltanschaulichen Beiträgen und in den persönlichen Interviews mit Jürgen Weiland. Die Online-Konferenz ist ja selbst ein Kind und ein Dokument dieser außergewöhnlichen Zeit.

WISH Kongress im Streaming: Wer die hervorragenden Beiträge versäumt hat, kann sie auf der Konngressseite https://www.wish4healing.net/onewish/ ausleihen. Am Ende bleibt der eine Wunsch, dass sich die Kollegen und Freunde der Sensation Homöopathie beim nächsten WISH-Kongress wieder persönlich begegnen können.

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